Sonja

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„Der Klimawandel wird kommen. Noch haben wir die Chance, einzugreifen“

Sonja Haider, 54, sitzt für die ÖDP im Münchner Stadtrat und setzt sich für die Verbesserung des Radfahrnetzes ein. Im Interview erzählt sie uns über die Situation in München und bayrische Unverbesserlichkeit.

Sonja Haider (ÖDP)
aufgenommen in München (Bayern) am 07.08.2018
Foto: Tobias Hase

Sonja, du bist nicht immer so viel Fahrrad gefahren, oder?

Stimmt. Wir reden hier über 12 Kilometer und ich wollte nach dem Radeln nicht verschwitzt ankommen und mich immer umziehen müssen. Deshalb bin ich lange Zeit mit der S-Bahn gefahren.

War aber schon der Gedanke da, dass du eigentlich lieber Radfahren willst?

Ehrlich gesagt habe ich anfangs gar nicht so viel darüber nachgedacht. Für meine Stadtratstätigkeit bekomme ich ja auch ein Jobticket, also konnte ich kostenlos fahren. Daher war das lange die einfachste Variante.

Aber dann habe ich mal beim „Stadtradeln“ mitgemacht, wo man so Kilometer sammeln kann, und ich wollte gern die Stadträtin mit den meisten Kilometern werden (lacht). Ab da bin ich dann jeden Tag gefahren. Es hat geschüttet wie verrückt! Also musste ich zusätzlich Regenzeugs mitnehmen und hab dann in richtig gute Regenkleidung investiert.

Als ich die dann erstmal hatte, habe ich gemerkt: Das ist es. Und mein Sportersatz ist das Radeln übrigens auch. Ich hab ja sonst kaum Zeit für Sport. Radfahren ist auch ein Wahnsinnsausgleich nach so viel Kopfarbeit. Nach dem Rathaus nach Haus zu radeln, da krieg ich den Kopf frei.

Seitdem bist du beim Radfahren geblieben?

Genau.

Was ist das Problem mit der Radfahrsituation in München?

In meiner Legislaturperiode sind in den letzten Jahren nur ein paar kosmetische Veränderungen an den Radwegen vorgenommen worden, die aber gar nichts bringen.

Und das hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit der Umverteilung von Flächen. Es ist nicht mehr möglich, Radwege zu bauen, die nicht in den motorisierten Verkehr eingreifen. Da hat es die Stadtspitze bisher gescheut, Fahrspuren wegzunehmen zugunsten der Fahrradfahrer.

Der motorisierte Individualverkehr läuft zügig, aber alles andere läuft nur nebenbei. Damit kommen wir nicht mehr weiter. Es fehlt ein lückenloses Radfahrnetz. Viele Wege sind einfach zu schmal; die Stadt wird dichter, es wird enorm viel gebaut. Die Stadtgrenzen sind sehr eng, alle Wohnviertel werden verdichtet, die Verkehrsteilnehmer werden immer mehr und der Ton wird ruppiger, weil da einfach nicht mehr ausreichend Platz ist.

Hörst du von anderen Münchnern, dass sie eigentlich auch gern mehr Rad fahren würden?

Ja, aber da ist einfach die Sicherheit ein großes Thema. Viele Münchnerinnen und Münchner sagen, früher wäre das gut gegangen, aber sie trauen sich nicht mehr. Die Autofahrer drängeln die Radfahrer weg, es ist einfach alles zu eng. Für genau diese Leute möchte ich es schaffen, dass die wieder Radfahren können.

Wenn du mit anderen übers Radfahren sprichst, was bekommst du für Feedback?

Na ja, bei vielen Leuten in meinem Alter kommen jetzt nicht mehr so viele Veränderungen. Die, die schon immer Auto gefahren sind, fahren einfach auch weiter Auto. Zwar verstehen die schon das Gesundheitsargument und so, aber das Verkehrsverhalten ist sehr eingefahren.

Andere, meine Eltern zum Beispiel, die sind schon immer viel Rad gefahren und tun das heute noch. Beruflich bewegt sich langsam was. Wir haben ja eine schwarz-rote Regierung und die SPD fängt wirklich langsam zu überlegen an.

Es gab zum Beispiel Mobilitätshearings und die Experten sagen genau das gleiche wie ich: Dass man Flächen umverteilen muss. Wir haben morgens und abends Stauphasen, wo gar nichts mehr geht und das wird sich in den nächsten Jahren auf den gesamten Tag ausdehnen.

Wage doch mal eine Prognose, wie sich die Radfahrsituation vor dem Hintergrund des  medial ja sehr präsenten Klimawandels entwickeln wird.

Gute Frage. In München wurden ganz tolle Klimaziele entwickelt, nur leider ohne Maßnahmen dazu. Das ist einfach totaler Schwachsinn. Nur schöne Sonntagsreden.

Aber es ist auch eine wachsende Sensibilisierung für die Umwelt in der Bevölkerung zu merken. Zum Beispiel beim Volksbegehren gegen das Artensterben. Da ist wirklich jeder fünfte Münchner ins Rathaus gegangen und hat unterschrieben! Das hatten wir noch nie.

Und so langsam kapiert auch die Politik, dass sie so nicht weitermachen kann. Diese Wirtschaftshörigkeit, die wir so schon seit Jahrzehnten sehen, muss aufhören.

Denn der Klimawandel wird kommen. Wir haben noch die Chance, ihn abzuwenden und sollten das tun, solang wir können. Wir werden die Auswirkungen auch noch in unserer Generation erleben, nicht erst unsere Kindergeneration. Und das hätte ich mir nie träumen lassen.

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